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Fritz Bornstück

Transatlantic Hokuspokus

12. November - 3. Dezember 2016

Wie zum Tanz halten sich zwei Figuren
aneinander fest, Hand in Hand, mit
heiterer Leichtigkeit – scheinbar
selbstvergessen, während ihr
Untergrund lediglich aus kleinen
Fragmenten, vielleicht Eisschollen,
besteht, die instabil auf bewegter See
treiben.

Die Farben, die Dynamik, alles wirkt freundlich auf diesem kristallklaren Meer unter
strahlend blauem Himmel. Doch schon die Figuren mit ihren Körpern
zusammengesetzt aus Dingen wie einem bunten Regenschirm, einem Spazierstock
oder einem Topf wirken einerseits fast menschlich, und andererseits gänzlich
unvertraut. Vielleicht ist es dieser Moment zwischen Wiedererkennen und doch-nicht-
Erkennen, der uns daran zweifeln lässt, ob das Bild uns tatsächlich das zeigt, was wir
im ersten Moment vermuteten. Jederzeit könnte eine Welle das fragile Gleichgewicht
beider Figuren zerstören, sie in ihre Einzelteile zerlegen oder gar verschlingen. Oder
handelt es sich womöglich um ein Rettungsmanöver?
Das großformatige Bild NORF NORF NORF (Nordmeeroperette) des Künstlers Fritz
Bornstück (*1982 in Weilburg) ist ein zentrales Werk der Schau Transatlantic
Hokuspokus, die am 11. November in der Galerie Börgmann eröffnet. Die Galerie
freut sich besonders, ihn erstmals in einer Einzelausstellung zu präsentieren.
Auf den drei Stockwerken des denkmalgeschützten Gebäudes sind die Gemälde des
jungen Malers zu sehen, der in Berlin an der Akademie der Künste bis zum Jahr 2009
Meisterschüler von Thomas Zipp war und dort noch heute lebt und arbeitet.
Seine künstlerische Strategie bezeichnet Bornstück gerne als „kulturelles Recycling“:
Objekte des täglichen Lebens, seien es alte Textilien, gefundene Kunststoffgegenstände
oder Fragmente von Zeitungen oder Comics, formen essentielle
Bestandteile seiner Kunst. So gibt er nicht nur Dinge unserer Lebensumwelt malerisch
wieder, er collagiert sie auch direkt auf die Leinwand, wo sie sich in die äußerst
pastosen Schichten der Ölfarbe integrieren und eigenes Malmaterial zu werden
scheinen. Für den Künstler sind sie Verweise auf unsere kurzlebige,
konsumbesessene Überflussgesellschaft, die gedankenlos wegwirft und ersetzt.
Auf der Leinwand entsteht so ein grober, oftmals leuchtend bunter Stil – mit Öl und
Pigmenten auf Leinwandcollage. In Pinselduktus und Farbpalette mag er an die
Neuen Wilden der 1980er Jahre erinnern, an die comicartigen Motiviken eines Philip
Guston oder in der Hinwendung zur eigenen Massenkultur an den Nouveau
Réalisme. Und doch gehen die Werke von Fritz Bornstück nicht auf in der
Kunstgeschichte; Verweise und Parallelen formt er zu kompromissloser Innovation,
die den Stand der zeitgenössischen Malerei hinterfragt und neu verhandelt.
Bornstücks charakteristische Bildwelten scheinen eindringlich ihre Geschichten zu
erzählen, die Haptik der bunten Farb- und Materialreliefs verlockt zum Berühren, die
Dynamik des Motivs reißt mit – und doch verweigern sie sich dem Rezipienten, subtil,
aber beharrlich. Denn enträtseln lassen sich diese Szenarien nicht. Zwar geben
figurative Elemente und anthropomorphe Formen eine erste Genugtuung des
Wiedererkennens und öffnen bereitwillig alltägliche Assoziationsräume, doch wirken
sie bei genauerer Betrachtung nie ‚von dieser Welt’. Der Künstler bezeichnete seine
Kunst mal als „underwater outer-space trash Romantik“. Darin wird ein zentraler
Aspekt deutlich: Seine oft in die Ferne geöffneten Bildräume changieren zwischen
unbelebt grauen Flächen vor schwarzem Himmel, eine Landschaft wie auf dem
Mond, oder Situationen unter Wasser und auf hoher See. Die bekannten Dinge, zu
unbekannten Figuren assembliert, wirken darin wie Stellvertreter unserer Kultur in
lebensfeindlicher Umgebung. Sie werden dekontextualisiert, verweisen noch auf den
Menschen, der hier aber entbehrlich scheint, nahezu evolutiv überholt.
Dazu kann auch der Titel der Ausstellung „Transatlantic Hokuspokus“ in Relation
gesetzt werden. Trans-real bis magisch verwunschen muten jene (Bild)Welten an, in
denen Objekte nicht zum klassischen Stillleben arrangiert sind, sondern der
unbelebte Gegenstand wie ein Wiedergänger zum belebten Protagonisten wird. Sei
es das eindrückliche Figurenpaar in Northern Zealand (M. Messer), das sich wie zum
Leben erwachte Vogelscheuchen dem Wind entgegenstemmt, oder das verschmitzte
Augenzwinkern des Werks Sour Times, das eine Zigarette zeigt, auf einer Zitrone
balancierend und selbstverschwendend rauchend, bis das Gleichgewicht kollabieren
wird; hier ist ganz offenkundig Leben, Selbstbestimmtheit, Tragik und Komik – und
das (fast) ganz ohne den sich oft so erhaben empfindenden Menschen.
(Text: Ninja Elisa Felske)